2024 - 2025: Fotoprojekt Sichtbarmachen - Soziale Orte

50 Erwerbslose gingen in Gießen und Wetzlar mit der Kamera auf die Suche nach sozialen Orten. Wo findet jenseits offizieller Hilfeeinrichtungen gegenseitige Unterstützung statt? Wo treffen sich Menschen und helfen sich gegenseitig weiter, auch in schwierigen Lebenslagen? Welche Orte geben Menschen Ruhe oder Kraft? Daraus entstanden 28 Plakate, die unter anderem im Gießener Rathaus ausgestellt wurden. Das Kooperationsprojekt mit der WALI Wetzlar wurde gefördert vom Kulturfonds Gießen-Wetzlar. Herzlichen Dank dafür!

Mit der Kamera zogen in Gießen und Wetzlar Gruppen von Erwerbslosen und von Armut Betroffene mit und ohne Anleitung unter dem Aspekt der Suche nach sozialen Orten durch Stadt und Stadtteile. Auf dieser Suche wurden Fotos gemacht, Plätze, Menschen und Situationen wurden festgehalten. Sie fotografierten  Orte, die sie als soziale Orte wahrnahmen und brachten eine künstlerische Stadtbetrachtung aus der Sicht „von unten“ und ihrer Perspektive als Menschen mit wenig Geld in die Fotomotive ein. Sie befragten auch Menschen, die sich an diesen Orten aufhielten, über die Qualität des Ortes. Die so gesammelten O-Töne wurden als Texte für die Plakate bearbeitet. 

Fotoprojekt Aufnahmen in Wetzlar Am Bücherschrank Gießen Wetzlar Blick auf die Lahn

Die Fotorundgänge wurden ergänzt durch gegenseitige Besuche. Die Teilnehmenden aus Wetzlar besuchten Orte in Gießen und wurden hier von den Teilnehmenden aus Gießen herumgeführt und natürlich auch umgekehrt. Dabei mischten sich Innen- und Außensicht. Über die unterschiedlichen Wahrnehmungen tauschten sich die Teilnehmenden aus und kamen ins Gespräch. Sie entwickelten und stellten Szenen von Kontakt, Kommunikation und Gemeinschaft und fotografierten sie.

In den Initiativen wurden die gewonnenen Fotos in Workshops unter künstlerischer / medienpädagogischer Anleitung gesichtet und sortiert. Gemeinsam wurde aus über 2000 Bilderm eine Auswahl getroffen. Zu diesen wurden auf Grundlage der gesammelten O-Töne Texte erstellt.  Dabei ging es bei einigen Motiven nicht nur um die einzelnen Menschen, sondern auch um die Frage, wie solidarische Praxis / solidarische Strukturen gefördert werden können. Die Zitate geben dabei nicht immer die O-Töne der abgebildeten Personen wieder. Fotos und Texte wurden digital mit dem Programm Canva zu Plakaten weiterverarbeitet. Auch hier waren die Teilnehmenden einbezogen und konnten das kostenlose Programm kennenlernen. 

Alle Plakate sind somit Gemeinschaftswerke von Darsteller*innen, Fotografierenden und Menschen, die Aussagen über den Ort getroffen haben. Die Plakate wurden in A2 und A3 gedruckt und stehen nun für Ausstellungen zur Verfügung. Am 29. Januar wurden sie bei einem Empfang im Dachsaal des DGB-Hauses erstmals präsentiert. Weitere Öffentliche Ausstellungen waren im August 2025 in der Stadtbibliothek Wetzlar und im November 2025 im Rathaus Gießen mit Eröffnung durch Jörg Kratkey, Kulturdezernent der Stadt Wetzlar und Richard Kunkel, Betriebsseelsorge Oberhessen und Musik von Mrs & Mr Johnny deVille Blues Band. 

Vernissage im Dachsaal DGB Haus, Rede von Richard Kunkel Vernissage Rathaus Gießen Rede von Jörg Kratkey, Kulturdezernent der Stadt Wetzlar Gruppenbild Ausstellung Rathaus

Die Teilnehmenden meldeten zurück, dass das Projekt für sie eine wertvolle Erfahrung war. Insbesondere die Exkursionen in der eigenen Stadt und der Partnerstadt waren für viele sehr interessant und wertvoll. Sie lernten dabei nicht nur neue Menschen kennen, sondern auch Orte in der eigenen Stadt, die sie bisher gar nicht wahrgenommen hatten. Auch die Erfahrung, selbst Fotos zu machen oder auf dem Bild eine Szene zu stellen, war für viele eine interessante und lehrreiche Erfahrung. Während die ersten Bilder sehr statisch waren, experimentierten die Teilnehmenden im Verlauf des Projektes immer mehr mit Bewegungen und Gesten. Die Vorstellung, nachher selbst auf einem Plakat zu sehen zu sein, erfüllte viele mit Freude, andere wiederum konnten sich dies nicht vorstellen und wollten ihre Bilder nicht veröffentlicht sehen. Darauf wurde natürlich Rücksicht genommen. Insgesamt war das Projekt für die meisten eine Bereicherung und trug auch zur Erfahrung von Selbstwirksamkeit bei. Das eigene Foto oder das eigene Bild auf dem Foto als fertiges Plakat zu sehen, machte viele auch stolz.

Eine Auswahl von Plakaten ist hier zu sehen.